Mein erstes Mal auf dem Snowboard

 Als ich Mitte November unfreiwillig freiwillig blindlings entschied, mich am 25. Dezember nach Seoul hinfortzuarbeiten, wusste ich noch nicht, was auf mich zukommen würde. Die wiedermal allwissenden Kommentare einiger Kollegen, die ich mir anhören musste als der Flug feststand, ließen mich meine Entscheidung zugegebenermaßen schon ein wenig anzweifeln. Doch auch diesmal wollte ich mich von den Negativmeinungen anderer nicht beirren lassen und mir mein eigenes Bild machen, hatte ich doch eh keine andere Wahl.

 Letzte Zweifel wurden endgültig beseitigt, als ich sah, wer mit mir das angeprangerte "Leid" teilen sollte... eine Kollegin mit der ich schon öfter geflogen war. Natürlich schrieb ich sie sofort an, dass ich mich freute, mit ihr zu fliegen und noch mehr freute ich mich, als sie mir erzählte, sie wolle dort Ski fahren gehen. Juhuuuu... ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass das dort überhaupt möglich ist... mussten mir wohl meine pessimistischen Gesprächspartner verheimlicht haben... hmmm.

 Die Zeit schien nun nicht mehr schnell genug zu vergehen, weil ich es kaum noch erwarten konnte, die Skihänge elegant hinabzugleiten (ich war bisher zweimal in meinem Leben auf Skiern, aber es liegt leider in meiner Natur, in solchen Dingen die Vollblutoptimistin zu sein). Ich hatte wohl noch genügend Zeit, mich voll auszustatten... aus mir unerklärlichen Gründen habe ich das letzte Stück Skiausrüstung dann doch erst am 24. Dezember ergattert, den anderen Teil schon am 22. und 23. Dezember Wobei ich sagen muss, dass es eine schöne Erfahrung war, an Heilig Abend einkaufen zu gehen. Ich hatte eine ganze Verkäuferin bei Engelhorn für mich alleine, die sich ausgiebig und liebevoll um mich gekümmert hat und fleißig ihre initialisierten Aufkleberle auf meine Eroberungen drückte. Ich gab mich vor ihr auch nicht als Antiskiprofi zu erkennen und tat einfach so, als hätte ich Ahnung. War auch bestimmt nicht auffällig, dass ich mir ein komplett neues Outfit zulegte. Dass alles so ausartete, dass ich nach meiner Rückkehr aus Seoul erst einmal diverse andere Geschäfte aufsuchen muss, um meine "Doppelausstattung" umzutauschen, ist eine andere Geschichte.

 Jeeedenfalls war der Tag endlich gekommen... ich traf meine Skipartnerin kurz vor Dienstantritt und war sehr erstaunt, als sie mir offenbarte, sie sei noch nie auf Skiern gestanden, hatte ich sie rein optisch doch immer für eine Pistendüse gehalten. Ich schlug also vor, dass wenn das sooo wäre, wir ja gleich den Skipart überspringen (oder sollte ich jetzt schon sagen "überfallen" ) und auf Snowboard umsteigen könnten... wurde ja immer aufregender.

 Den Teil mit dem Flug lasse ich weg, da war nichts außergewöhnlich ungewöhnliches passiert.

 In Seoul angekommen, fiel ich erst einmal tot ins Bett, was zur Folge hatte, dass ich um punkt Mitternacht hellwach in meinem Zimmer lag... umherwanderte, las, Musik hörte, TV durchzappte (zufällig auf den Erotiksender stoß und das Sexualleben der Koreaner ein wenig genauer unter die Lupe nahm - unappetitliche Küsserei und bellende Chihuahuareanerinnen - näher möchte ich nicht darauf eingehen), las, einkaufen ging (ein Glück gab es eine 711 um die Ecke, die rund um die Uhr geöffnet hatte und mir drei Tage lang mein Frühstück -trockenes Toastbrot mit Kakao und Twix - providieren sollte), las und irgendwann wieder einschlief, nur um eine Stunde später von der Kollegin geweckt zu werden, dass es nun endlich - 9 Uhr morgens in Seoul, 1 Uhr nachts in Deutschland - losgehen kann. Ich fühlte mich als hätte mir jemand eins mit dem Hammer übergezogen, eben so als hätte ich die komplette Nacht an der Wodkaflasche genuckelt, aber HEY wir gingen SNOWBOARDEN.

 Um 10 Uhr begann die Reise nach Jerusalem. Als der Rezeptionist des Hotels uns warnte, es sei ein langer Weg und die Busfahrt 50 Minuten dauern würde, konnten wir noch darüber lachen. Das war doch nicht lang!!! Nach der ersten Stunde sahen wir uns nicht mehr klar und deutlich die Hänge auf Snowboardbrettern hinunterjagen. Zuerst mussten wir den Shuttlebus des Hotels zur U-Bahn Station nehmen, was laut Hotelier die erste Haltstelle sein sollte, sich aber als dritter Halt herausstellte. Wie sagt man so schön, viele Wege führen nach Rom (oder in unserem Fall ins koreanische Skiparadies) und so war es auch hier. Es gab mehrere Treppen (verschieden nummeriert) hinunter ins Glück, aber nirgends eine Ausschilderung, wie es zur Linie 2 gehen sollte. Nachdem wir uns verloren einige Male um die eigene Achse gedreht hatten, entschieden wir uns, einfach mal jemanden anzusprechen. Noch wussten wir nicht, dass unser erstes Opfer ein Volltreffer - ein in den USA aufgewachsener Koreaner - sein würde. Dieser war so hilfsbereit, dass er gemeinsam mit uns die Treppen hinunterlief, die Tickets holte, uns bis an die U-Bahn führte UND sogar die erste Station mit uns fuhr, um uns genau zu zeigen, wo wir aussteigen mussten. Am großen Busterminal angekommen, nahm das Blatt seine Wende, denn niemand konnte uns verstehen. Wir irrten umher, suchten den Bus, fanden einen Bus mit der Nummer 11, suchten den Ticketschalter auf, doch die Dame wollte uns kein Ticket nach Bears Town verkaufen und sagte nur "outside"... wir gingen raus, überall Busse, nur keine Nummer 11... wieder rein, wieder zu DEM Bus Nummer 11, der Fahrer kannte kein Bears Town, wollte aber ein Ticket... wieder rein, Ticketschalter, wieder "outside", zur Information, wieder "outside", einmal um den Busterminal rum, wieder ein falscher Bus Nummer 11, doch ein Busfahrer, der uns ein wenig verstand, aber nicht sprechen konnte... er nahm sein Handy raus und gab uns ein Zeichen, wir sollen ihm folgen. Wir waren voller Hoffnung, bis sich herausstellte, dass er uns über einen anderen Weg wieder in den Busterminal lotste, zurück zur Information, die auch ihm sagte, der Bus sei "outside". Mit gemeinsamer Kraft schafften wir es endlich zum richtigen Bus Nummer 11.

 Die Fahrt dauerte eher afrikanische 50 Minuten und nach mehreren Flaschen Cola, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen, hätte ich nicht gedacht, dass die Reise mit trockener Hose enden würde.

 Auf der Piste standen wir letztendlich um 13 Uhr. Wir entschlossen uns, den Hügel erst einmal nur ein Stückchen hinaufzulaufen und ein wenig zu probieren, um ein Gefühl für das Ganze zu entwickeln. Nach zweimal Hügelhochlaufen und unzählig missglückten Versuchen wurden wir ungeduldig und entschieden, sofort den Lift hochzufahren. Je länger der Weg nach unten, desto mehr Versuche standen uns schließlich zur Verfügung.

 Die Liftfahrt war auch eine Herausforderung für sich und die Kollegin schaffte es schon, ohne überhaupt auf dem Board gestanden zu haben, auf dem Po zu landen. Oben entdeckten wir zufällig ein Pärchen - sie eine ängstliche Einheimische, er ein, wie sich später herausstellte, seeeehr geduldiger Amerikaner, der ihr das Snowboarden versuchte beizubringen. Wir beobachteten, um zu lernen. AHA, erstmal auf der Kante gaaaaanz langsam runterrutschen. OK... keiiin Problem...

 Wir schnallten uns an und legten los. Aufstehen, wie steht man denn auf??? Kante, Rutschen, Plums, wie steht man wieder auf? Kämpfen, Auuuufstehen, Kante, Plums, Kante, Rutschen, Plums, Kante, Plums, Kante, Plums, Kante, Rutschen, Ruuuutschen, Plums. Als ich irgendwann merkte, dass meine Kollegin mir um einige Falllängen voraus war, wuchs in mir der Druck, den Hang schneller hinunterfallen zu müssen. Auch hatte ich den Drang, den unteren Teil der Piste nach meiner, wie ich im Skilift gemerkt hatte, verlorenen Kamera abzusuchen. Doch jedes Mal, wenn ich mich mit qualvoller Kraft aufgestemmt hatte und auf meiner Kante losrutschen wollte, kreuzte mir eine der unzähligen Kinderskischulen den Weg. Da ich noch keine Kontrolle über das nicht vorhandene Lenkrad hatte und ich keine Kinderfüßchen brechen wollte, war ich immer wieder GEZWUNGEN, mich hinfallen zu lassen. Als ich mindestens sechs dieser Hürden überwunden hatte und es schaffte auf meiner Kante stehen zu bleiben, hörte mein Board einfach nicht auf mich nur in eine Richtung zu rutschen. Würden Skipisten nach rechts führen und nicht nach unten, wäre ich echt gut gewesen... aber sie führen nunmal nach unten, also meine Taktik: Fallen lassen um zu bremsen, mit den Händen nach hinten aufstemmen, Po hoch, ein Stückchen nach links, Po runter, die Füße ans Board gefesselt nach links nachziehen, so weit bis ich wieder einigermaßen weg von dem rechten Ende der Piste war... nach vorne auf die Knie stemmen, auf die Kante und hoch, losrutschen, rechts, rechts, rechts, rechts, reeeechts, ok... fallen lassen und wieder alles von vorne. So langsam verließen mich die Kräfte, aber egal... irgendwie musste ich ja da durch jetzt.

 Um 15.30 Uhr war auch ich endlich unten angelangt. Wir brauchten ein Päuschen, das ich auch dazu nutzen konnte, nach meiner Kamera - die ich nirgends im Schnee hatte entdecken können - zu fragen. Glücklicherweise sind die Koreaner ein ehrliches Völkchen und ich bekam sie wieder. Nach einer stärkenden Cola und total durchgefroren, stellten wir uns, diesmal etwas unmotivierter als zuvor, wieder am Lift an. Uns taten schon die Handgelenke weh. Beim Snowboarden - haben wir entdeckt - scheint es wohl zwei Kategorien zu geben: die Pofaller und die Kniefaller... ich gehöre wohl zu Letzterer... zwar unmotivierter, aber noch bei bester Laune, dachten wir uns, es kann nur besser werden und so war es auch... ich hatte keine Skischulen mehr im Weg und ab und zu lenkte das Board auch in die Richtung in die wir tatsächlich fahren wollten, die Stürze wurden weniger und am Ende schafften wir es sogar, dass die Abfahrt nicht mehr länger dauerte als die Liftfahrt.

Fazit: Ich bin wiedermal um eine Erfahrung reicher. Ich liebe das Land, die Stadt, die Leute, zum Essen kann ich leider nichts sagen dank Zeitverschiebung und 711... Muskelkater, blaugrünrotlila Knie, lange Bus und U-Bahn Umwege können mich nicht davon abhalten, genau wieder so eine Aktion zu starten, denn fest steht... ICH LIEBE SNOWBOARDEN

30.12.10 17:04
 


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